Vielfalt als Chance für die Ausbildung
Wie können Ausbilderinnen und Ausbilder der Vielfalt in unserer Gesellschaft kompetent und empathisch gerecht werden? Beim BdS-Ausbilder-Workshop 2025 zum Thema „Vielfalt in der Ausbildung souverän begleiten“ trafen sich rund 30 Ausbildungsprofis, um gemeinsam Lösungen für reale Herausforderungen im Ausbildungsalltag zu erarbeiten – von Sprachbarrieren über nonbinäre Identitäten bis hin zu psychischen Belastungen. Unsere neue BdS-Ausbildungsreferentin Juliane Anger war beim Workshop mit dabei und ist überzeugt: „Vielfalt ist kein Problem, sondern eine gemeinsame Chance.“ Hier ihr Rückblick auf den Tag:
Wer junge Menschen ausbildet, bildet auch immer ein Stück weit Gesellschaft mit aus. Und diese ist heute bunter und vielfältiger denn je. Aber was bedeutet das konkret für Ausbilderinnen und Ausbilder in der Systemgastronomie? Wie gelingt es in der Ausbildung, Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen, Sprachbarrieren oder nicht-binären Identitäten wertschätzend und professionell zu begegnen?
Diesen und weiteren Fragen haben wir uns als Bundesverband der Systemgastronomie (BdS) im Rahmen unseres Ausbilder-Workshops 2025 „Vielfalt in der Ausbildung souverän begleiten“ gewidmet – mit Neugier, Offenheit und einer ordentlichen Portion Praxisnähe.
Ziel dieser Veranstaltung ist es, die Vernetzung der Teilnehmenden und die Weiterentwicklung der Ausbildung zu fördern. Auch in diesem Jahr kamen – traditionell am Donnerstag vor der Eröffnung des Münchner Oktoberfestes – wieder zahlreiche Ausbilderinnen und Ausbilder aus unseren Mitgliedsunternehmen, Berufsschullehrkräfte sowie IHK-Vertreterinnen und -Vertreter aus ganz Deutschland in München zusammen.
Gut organisiert: Ein Tag für gelebte Vielfalt
Der Workshop wurde von Nicole Campe organisiert, die über viele Jahre den Bildungsbereich beim BdS mit außergewöhnlichem Engagement geprägt hat und nun das Eventmanagement im Verband verantwortet. Als neue Referentin für Aus- und Weiterbildung im BdS durfte ich die Veranstaltung eröffnen – und kann rückblickend sagen: Es war ein starkes Zeichen für gelebte Vielfalt in einer Branche, in der Menschen aus über 130 Nationen tagtäglich zusammenarbeiten.
Geleitet wurde der Workshop von Amelie Hiemer von „Hands on Future“, einem Social-Start-Up, das mit seinen Trainings verschiedene Strategien für eine resiliente Ausbildung vermittelt. Mit ihrer Expertise führte Amelie Hiemer die rund 30 Teilnehmenden durch den Tag und sorgte dabei für einen geschützten, aber gleichzeitig offenen Raum für Diskussion und Austausch.
Neue Perspektiven eröffnen: Ambiguitätstoleranz und emotionale Intelligenz
Zum Einstieg zeigte Hiemer ein Bild einer stark geschminkten Person mit Bart in Ausbildungsuniform – ohne klare Geschlechterzuordnung. Auf die Frage „Welche Emotionen löst das bei Euch aus?“ gestanden viele unserer Ausbildungsprofis offen ihre Unsicherheiten. „Hier gibt es kein Schwarz oder Weiß“, betonte die Workshopleiterin. „Im Gegenteil – je offener wir sind, desto mehr Schattierungen sehen wir. Unsere eigenen Emotionen sind der Schlüssel zu einem Perspektivwechsel, der uns hilft, unser Gegenüber besser zu verstehen.“ Die Komplexität der Dinge zu akzeptieren, statt vorschnelle Schlüsse zu ziehen, sei Teil der sogenannten Ambiguitätstoleranz, erläuterte Hiemer weiter.
Methoden für die Praxis
Ein digitaler Methoden-Koffer sollte den Workshop-Teilnehmerinnen und -Teilnehmern helfen, mit ähnlichen Situationen im Berufsalltag umzugehen und entsprechend mit den Azubis zu kommunizieren. Mit im Gepäck hatte Amelie Hiemer dabei Instrumente wie die Social Belonging Intervention, die darauf abzielt, das Gefühl der sozialen Zugehörigkeit zu stärken und die Auswirkungen negativer Erfahrungen in einem neuen Umfeld, wie dem Ausbildungsbetrieb, zu mildern. Auch das sogenannte Wise Feedback wurde ausführlich vorgestellt. Lehrkräfte formulieren dabei nicht nur Erwartungen an ihre Schüler, sondern zeigen auch ihr Vertrauen, dass diese sie erfolgreich meistern können. Anschließend hatten die Teilnehmenden Gelegenheit, die Methoden in sechs anschaulichen Fallbeispielen aus dem Ausbildungsalltag auszuprobieren
Offener Austausch zu sensiblen Themen
So wurde zum Beispiel diskutiert, wie ausländische Fachkräfte mit geringen Deutschkenntnissen effektiv integriert werden können – jenseits von Vokabeln und Grammatik. Es ging um Zwischenmenschliches, um Alltagskommunikation und um die Bedeutung von Geduld und klarer Struktur. Ein weiteres Thema: der Umgang mit nonbinären Auszubildenden – für viele eine neue und manchmal herausfordernde Realität, die jedoch mit Respekt, Offenheit und der Bereitschaft, dazuzulernen, gut gemeistert werden kann.
Auch sensible Themen wie psychische Auffälligkeiten bei Auszubildenden, z.B. Autismus, standen im Fokus. Hier zeigte sich, wie wichtig es ist, sich auszutauschen und voneinander zu lernen. Gerade der Praxisbezug der Teilnehmenden – ihre ganz persönlichen Erfahrungen – machten die Diskussionen so lebendig und nahbar.
Was mich besonders beeindruckt hat: Der Austausch war konstruktiv, ehrlich und lösungsorientiert. Niemand hatte den Anspruch, bereits alle Antworten zu haben – aber alle brachten die Bereitschaft mit, gemeinsam Wege zu finden. Wege, die der Systemgastronomie als Branche helfen, weiterhin ein inklusiver, attraktiver und moderner Ausbildungsort zu sein.
Am Ende des Tages zeigten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sichtlich bereichert von dem interessanten Workshop. Jede und jeder konnte Tipps für sich mitnehmen, die individuell angepasst in den Ausbildungsalltag integriert werden können.
Netzwerken, genießen und digital weiterbilden
Im Anschluss an den Workshop hieß es dann: Die Gespräche bei guter Stimmung und gutem Essen weiterführen und das BdS-Ausbildertreffen bei einem geselligen Beisammensein im Franziskaner in der Münchner Innenstadt ausklingen lassen. Dabei gab es zudem fachliche Einblicke in ein bundesweites Projekt, das Ausbilderinnen und Ausbilder mit digitalen Kompetenzen ausstattet, damit sie die berufliche Ausbildung an den digitalen Wandel der Zeit anpassen können – nämlich das Netzwerk Q 4.0. Der Projektleiter für Bayern, Ralf Kunz, stellte verschiedene Angebote wie Online-Kurse oder Trainings vor, die z.B. die Themen Ausbildungsmarketing, Social Media oder die kulturelle Vielfalt bei Auszubildenden in den Fokus stellen. Ein Abend also, der nahtlos an den Input des gemeinsamen Workshops anschloss.
Mein persönliches Fazit:
Mein Fazit nach einem intensiven Tag: Vielfalt ist kein Trend – sie ist Realität. Und wer ausbildet, muss bereit sein, diese Realität anzuerkennen und zu gestalten. Der Workshop und das anschließende Ausbildertreffen am Abend waren wichtige Schritte auf diesem Weg – und ich freue mich schon jetzt auf die nächsten Formate, in denen wir dieses und weitere spannende Themen vertiefen können. Denn am Ende geht es nicht nur darum, Fachkräfte auszubilden, sondern Menschen zu stärken – und genau darin liegt eine der schönsten Aufgaben für Ausbildungsverantwortliche.
Juliane Anger hat kürzlich den Bereich Aus- und Weiterbildung als Referentin beim Bundesverband der Systemgastronomie e. V. (BdS) übernommen. Sie ist im Hauptstadtbüro des Verbandes tätig und bringt dort ihre langjährigen Erfahrungen aus dem Berliner Politikbetrieb in die Bildungsarbeit mit ein. Nach ihrem Verwaltungs- und Politikstudium arbeitete Juliane Anger über 14 Jahre im Deutschen Bundestag als Wissenschaftliche Mitarbeiterin. Beim BdS freut sie sich auf spannende Aus- und Weiterbildungsthemen und die Zusammenarbeit mit den Menschen, die diese Themen mit Leben füllen.