„Das Leben überrascht einen manchmal“
Wie aus sechs geplanten Monaten eine Karriere in der Systemgastronomie wurde
Als Sasho Radulov Ende 2020 nach Deutschland kommt, hat er eigentlich nicht vor, lange zu bleiben. Etwa sechs Monate, so sein Plan. Er spricht kaum Deutsch, kennt nur wenige Menschen und muss sich mitten in der Corona-Pandemie erst einmal in einer völlig neuen Umgebung zurechtfinden. Heute, gut fünf Jahre später, ist der 34-Jährige General Manager bei L’Osteria in Rosbach und führt ein großes Restaurant mit einem internationalen Team.
„Wenn ich heute zurückblicke, fühlt sich das alles fast unwirklich an“, erzählt er. Sein Weg zeigt, wie viel sich verändern kann, wenn Eigeninitiative auf Vertrauen, Förderung und die richtigen Chancen trifft.
Noch einmal ganz von vorne
Sasho Radulov wächst in Skopje in Nordmazedonien auf und studiert an der Business Academy Smilevski Operatives Management. Nach Deutschland zieht es ihn vor allem aus einem persönlichen Grund: Er möchte näher bei seiner Schwester sein, die hier lebt.
Der Neustart ist allerdings nicht leicht. Familie und Freunde fehlen ihm, er spricht kaum Deutsch und auch die Bürokratie stellt ihn vor Herausforderungen. „Bei Behördengängen war ich ich oft mit Google Translate unterwegs. Dabei gab es einige Missverständnisse, aber heute kann ich darüber lachen.“
Besonders schwer ist es für ihn, noch einmal bei null anzufangen. Trotz Studium und Berufserfahrung wird er aufgrund der Sprachbarriere manchmal unterschätzt. „Wenn man die Sprache noch nicht gut spricht, erkennen viele Menschen zunächst nicht, welche Erfahrung, Fähigkeiten und welches Potenzial in einem Menschen stecken.“
Doch Sasho lässt sich davon nicht entmutigen. Er lernt intensiv Deutsch und findet Schritt für Schritt seinen Weg. „Diese Zeit war anstrengend, aber sie hat mich stärker gemacht und meinen weiteren Weg in Deutschland geprägt“, blickt er heute zurück.
Der Einstieg in eine neue Branche
Seine erste Arbeitsstelle in Deutschland findet Sasho bei McDonald's in Weilburg. Mit der Systemgastronomie hat er bis dahin kaum Berührungspunkte. Er beginnt in der Küche und lernt nach und nach alle Bereiche des Restaurants kennen. Kolleginnen und Kollegen helfen ihm beim Übersetzen, und weil im Restaurant viele verschiedene Sprachen gesprochen werden, findet er schnell Anschluss und verbessert gleichzeitig sein Deutsch.
Schon bald merkt Sasho, dass ihm die Arbeit in der Systemgastronomie liegt. Die klaren Strukturen und Standards gefallen ihm. Vor allem aber entdeckt er, dass er hier vieles von dem wiederfindet, womit er sich bereits während seines Studiums beschäftigt hat: organisieren, Verantwortung übernehmen und Menschen führen.
„Besonders motiviert hat mich die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen, Teams zu entwickeln und gemeinsam Ziele zu erreichen. Deshalb war für mich schnell klar, dass ich mich in dieser Branche weiterentwickeln möchte.“
Doch es gibt auch einen Moment, in dem Sasho kurz davorsteht, Deutschland wieder zu verlassen. Seine damaligen Vorgesetzten überzeugen ihn schließlich, die angebotene Position als Schichtleiter anzunehmen. Eine Entscheidung, die seinen weiteren Weg maßgeblich prägt. „Sie haben an mich geglaubt, bevor ich selbst daran geglaubt habe. Wenn ich ihre Chance damals nicht angenommen hätte, wäre ich heute wahrscheinlich gar nicht mehr in Deutschland“, so Sasho Radulov.
„Eines Tages wirst du General Manager.“
Der nächste entscheidende Schritt führt ihn zu L’Osteria. Bei einem Kaffee trifft er in Limburg erstmals Franchisenehmer Wolfgang Göbel. Sie sprechen über Sashos bisherigen Weg, seine Ziele und seine Zukunft. Ein Satz aus diesem Gespräch bleibt ihm bis heute im Gedächtnis: „Eines Tages wirst du General Manager.“
Damals kann er sich das selbst kaum vorstellen. Zunächst arbeitet er als Assistant Manager bei L’Osteria in Wetzlar. Das Restaurant hat gerade neu eröffnet, täglich kommen viele Gäste und Sasho übernimmt deutlich mehr Verantwortung. In dieser Zeit wird Mehmet Bugday mit seiner mehr als 20-jährigen Erfahrung im Gastronomie-Management zu einem wichtigen Mentor für ihn. „Ich habe jeden Tag versucht, so viel wie möglich von ihm mitzunehmen.“
Auch die Familie Göbel und Richard Sapper unterstützen ihn auf seinem weiteren Weg. Von Sapper übernimmt Sasho später das Restaurant in Rosbach. Besonders beim Schritt vom Assistant Manager zum General Manager steht er ihm intensiv zur Seite. Rückblickend beschreibt Sasho ihn als seinen „persönlichen 24/7-Support“.
Als Sasho Radulov Anfang 2026 schließlich seinen Vertrag als General Manager unterschreibt, denken er und Wolfgang Göbel zurück an ihr erstes Gespräch. „Ich hatte früher große Angst, ins Ausland zu gehen. Ich habe mich oft gefragt, ob ich hier die gleichen Chancen bekommen würde wie in meiner Heimat. Am Ende habe ich sogar noch größere Chancen bekommen, als ich jemals erwartet hätte.“
Für ihn steht fest, dass seine berufliche Entwicklung ohne die Unterstützung und das Vertrauen anderer so nicht möglich gewesen wäre: „Niemand erreicht große Ziele allein. Alles, was ich geschafft habe, verdanke ich auch den Menschen, die mich auf meinem Weg begleitet, unterstützt und an mich geglaubt haben.“
Heute gibt er weiter, was er selbst erfahren hat
Heute trägt der 34-Jährige als General Manager Verantwortung für ein Restaurant und sein Team. Für ihn bedeutet das weit mehr als eine neue Position. Es ist die Möglichkeit, das weiterzugeben, was er selbst von seinen früheren Vorgesetzten und Mentoren gelernt hat: „Diese Verantwortung macht mich stolz und gibt mir die Chance, meinen eigenen Führungsstil weiterzuentwickeln.“
Viele seiner Mitarbeitenden kommen aus unterschiedlichen Ländern. Einige bringen bereits gastronomische Erfahrung mit, andere stehen noch ganz am Anfang. Sasho kennt dieses Gefühl aus eigener Erfahrung: „Viele von uns haben in Deutschland bei null angefangen.“
Besonders stolz ist er deshalb auf sein Managementteam. Moni und Rijad haben beide im Service begonnen und Schritt für Schritt mehr Verantwortung übernommen. Heute führen sie das Team auch dann, wenn Sasho selbst nicht im Restaurant ist. „Zu sehen, wie Menschen wachsen und ihr Potenzial entfalten, ist für mich einer der schönsten Teile meines Berufs“, erzählt der 34-Jährige.
Doch nicht nur die Arbeit mit seinem Team motiviert ihn. Auch die Reaktionen der Gäste bedeuten ihm viel. Häufig liest er bereits morgens die Bewertungen des Vortages. Wenn Gäste ihren Besuch positiv bewerten und sein Team loben, ist das für den General Manager eine besondere Anerkennung: „Ich genieße meine Arbeit jeden Tag. Es macht mich glücklich, Menschen zu sehen, die eine gute Zeit in unserem Restaurant verbringen und mit einem Lächeln nach Hause gehen.“
„Das Leben überrascht einen manchmal“
Fünf Jahre nach seinem Neustart in Deutschland fällt es Sasho manchmal selbst schwer zu glauben, wie sehr sich sein Leben verändert hat: „Am Anfang haben mir Studenten geholfen und für mich übersetzt, wenn ich mit Gästen gesprochen habe. Viele E-Mails habe ich mit Google Translate geschrieben. Und heute, fünf Jahre später, bin ich General Manager eines großen Restaurants mit sehr guten Gästebewertungen und einem tollen Service. Ich frage mich selbst, wie das alles möglich war. Das Leben überrascht einen manchmal.“